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Arno Pielenz
Kennst du Heinrich von Kleist?

"... mein Leben, das allerqualvollste, das ein Mensch je geführt hat." So schrieb Heinrich von Kleist an eine seinem Herzen nahe stehende Verwandte wenige Stunden, bevor er sich mit seiner Todesgefährtin am Wannsee erschoss.

Die Krabat-Sage [2. Teil]

Die Krabat-Sage [2. Teil]

Alfred Meiche

Die Krabat-Sage [2. Teil]

Der Krieg war zu Ende. Heimgekehrt in seine Residenz, bot der dankbare König seinem Retter große Summen. Krabat aber schlug bescheidentlich alles aus. Erst als der Fürst in ihn drang, sich doch irgend eine Gnade auszubitten nach seinem Gefallen, äußerte er den Wunsch nach dem Besitz des Kammergutes Groß-Särchen bei Hoyerswerda. "Wenn du weiter nichts begehrst als die große Entenpfütze," sagte der König, "so mag dieselbe dein sein für immer!"

Zwischen dem nunmehr zum Gutsherrn gewordenen Krabat und dem Könige entspann sich ein freundschaftliches Verhältnis. Ihm angetragene Stellungen im Staatsdienste nahm der einstige Musketier nicht an; doch blieb er lebensland privater Ratgeber und Beistand seines gnädigen Landesherrn. Als solcher besaß er die Erlaubnis, selbst unangemeldet, an der königlichen Tafel speisen zu dürfen. Davon machte er auch oft Gebrauch. Um 11 Uhr vormittags fuhr er mit seinem Geschirr in Groß-Särchen ab, und Punkt 12 Uhr war er im königlichen Schlosse zu Dresden. Die tolle Fahrt ging über Kamenz und Königsbrück. Im Laufe der Zeit fand der Günstling, welcher für einflußreicher als der erste Minister galt, auch seine Neider. Unter denselben waren zwölf Würdenträger, die sich besonders zurückgesetzt fühlten. Ihr Groll richtete sich jedoch weniger gegen die harmlose Person des Bevorzugten, als gegen den König selber. Sie verschworen sich, den letzteren zu vergiften und zwar mittels einer Tasse Tee. Man wollte dann das Gerücht verbreiten, Majestät sei an einem Schlagflusse plötzlich verschieden. Krabat erkannte daheim in Groß-Särchen die hochverräterischen Anschläge, auch die Persönlichkeiten der Verschworenen und die verabredete Zeit des Verbrechens. Das alles verriet ihm sein Zauberspiegel aus Erz. Höchste Eile tat not, denn am nämlichen Abende sollte der Königsmord geschehen. Schnell ließ er anspannen. "Diesmal werde ich selber fahren, " bedeutete er den Kutscher, "setze Dich da hinein in den Wagen. In einer halben Stunde muß ich beim Könige sein." Nun ging es pfeilgeschwind hinaus in die dunkle Herbstnacht.

Vor dem Dorfe verstummte plötzlich das Rasseln der Räder. Lautlos erhoben sich Rosse und Wagen in die Lüfte. Untätig auf den ungewohnten weichen Polstern sitzend, schlief der Kutscher ein und erwachte erst, als die Fahrt mit einem gewaltigen Ruck unterbrochen wurde. Er rief: "Wir sind gewiß auf einen großen Rainstein aufgefahren!" und wollte aussteigen, um das Geschirr wieder flott zu machen. Krabat aber gebot ihm, sitzen zu bleiben. Er befreite den Wagen, welcher an der Kamenzer Kirchturmspitze hängen geblieben war, selber von dem Hemmnis. [...] Noch vor dem entscheidenden Augenblicke trifft Krabat am Dresdener Hofe ein. Das Souper hat bereits begonnen. Schon hält der König die Tasse mit dem Gifttranke in der Hand. Da stürzt Krabat herein und bittet Majestät, nicht zu trinken; der Mundschenk möge zuvor von dem Tee genießen. Der König widerstrebt diesem Vorschlage nicht. Seinem Befehle muß der Mundschenk gehorchen. Er stürzt alsbald entseelt zu Boden. Die Bösewichter werden entlarvt und sämtlich zum Tode verurteilt. Zur Hinrichtung berief Krabat den ihm bekannten alten Scharfrichter Bundermann aus Lissahora bei Reschwitz nach Dresden. Derselbe stand bei der elften Enthauptung bis über die Knöchel im Blute. Auf diese Weise wurde Krabat zum zweiten Male Lebensreter des Königs.

Noch viele wundersame Taten erzählt sich das Wendenvolk von Krabat. Dieser kam oft auf die Pfarre in Wittichenau zum Mittagsessen. Vor dem Mahle aber begann der alte Pfarrer: "Nun Krabat, jetzt zeige uns etwas!" Darauf verlagte Krabat ein Mätzchen Hafer und schüttete ihn, etwas aus dem siebenten Buche Mosis lesend, in eine Pfütze, woselbst auf der Stelle so viel Soldaten heraussprangen, als er Haferkörner dorthin geschüttet hatte. Sie sangen und lärmten, bis Krabat einen andern Vers aus demselben Buche las. Die Soldaten eilten jetzt wieder in die Pfütze, und sogleich waren hier so viele Ernten wie vorher Soldaten. Das hatte sich Krabats Kutscher abgeguckt und versuchte, nachdem er Krabaten das Buch entwendet hatte, dieselben Verse zu lesen und Hafer in den Kacheltopf zu schütten. Sogleich kam eine sehr große Menge Soldaten aus dem Ofen. Sie verlangten nun etwas Arbeit, sonst wollten sie ihn totschlagen. Zuerst befahl er ihnen, daß sie Mist aus dem Hofe herausbrächten. Damit waren sie schnell fertig. "Was weiter?" begannen sie zu tragen. "Tragt dort den Sand auf einen Haufen zusammen!" Auch dieses taten sie, und noch ist nahe bei Särchen der Hügel, welchen sie aufgeworfen haben. Als sie dort Krabat, der gerade auf dem Felde war, erblickte [...], begann er sehr auf den Diener zu schelten und ging nach Hause. Wie er in die Stube kam, schlugen sie schon den Diener, weil er nicht wußte, was er ihnen als Arbeit gäbe. Krabat befreite ihn, doch schalt er den neugierigen Menschen derb aus und sagte ihm, daß es nicht mehr in seiner Macht gelegen hätte, der Soldaten Herr zu werden und sie wieder in den Kacheltopf zurückzutreiben, wenn er um einen Augenblick später gekommen wäre. 

Krabat-Standbild in Groß-Särchen/ Foto: j.budissin (Julian Nitzsche)
Krabat-Standbild in Groß-Särchen/ Foto: j.budissin (Julian Nitzsche)

Als einstmals der Wittichenauer Amtsrichter mit seiner Famlie zu Besuche bei ihm weilte, zeigte Krabat folgendes Zauberstücklein: Von seinem Diener ließ er sich zwei Tauben einfangen, eine weiße und eine schwarze. Mit einem Ruck seiner Finger drehte er den Tieren den Kopf ab. Von Mitleid ergriffen, suchte der Zauberer die armen Tierchen wieder zum Leben zu erwecken. mit seinemn Feenhänden gelang es, die Köpfe wieder auf die Rümpfe der Tauben zu bringen, aber in der Zerstreutheit setzte er der weißen Taube den schwarzen, der schwarzen Taube den weißen Kopf auf. Nach diesem erhoben sie sich vom Tische und flogen wieder in der Stube umher. Zum andenken konnte sich der Amtsrichter die Tauben mit nach Hause nehmen.

Einstmals hat der Herr von Groß-Särchen den dort vorbeifließenden Bach, um ihm eine andere Richtung zu geben, umgeackert. Da er aber den davorgespannten polnischen Ochsen nicht gehörig bändigen konnte, so hat der Bach einen ganz krummen Lauf bekommen, den er noch heute hat.
Ein andermal kehrte Krabat nachmittags mit mehreren Bekannten in Wittichenau in einem Gasthofe am Markte ein und verlangte zu speisen. Der Wirt bedauerte lebhaft, ncihts weiter als Butterbrot mit Bauerkäse oder Wurst vorsetzen zu können. Krabat war damit nicht zufrieden und fragte den Wirt, ob er es ihm erlaubte, für sich und seine Gäste, einschließend die hier weilenden Wittichenauer Bürger, gegen Entschädigung selbst Speisen herbeizuschaffen. Der Wirt hatte dagegen nichts einzuwenden. Da begann sich plötzlich draußen ein mächtiger Sturm zu erheben, daß die Gaste glaubten, das Haus müsse einfallen. In der Stube da gegen herrschte eine Finsterniß, daß keiner der Anwesenden die Hand vor den Augen sehen konnte. Die Bürger bekammen Angst und wünschten sich weit weg von hier. Bald legte sich jedoch der Sturm, und mit ihm verschwand auch die Finsternis in der Stube. Die Anwesenden sahen mit Staunen vor sich auf den Tischen allerlei köstlich duftenden Speisen, die verschiedensten Arten von Braten, gesottene Fische, Zuspeisen, die sie nicht einmal mit dem Namen nach kannten, ferner vor jedem mhere Flaschen fremdländischen Weines. Jeder Gast konnte davon nehmen, so viel ihm beliebte. Alle Teilnehmer taten sich gütlich und konnten nicht genug das vorzügliche Mahl, sowie den köstlichen Wein loben.

Zwei Wittichenauer Bürger, denen jedenfalls der Wein etwas in den Kopf gestiegen war, gerieten wegen einer Kleinigkeit in Wortwechsel, der schließlich in Tätlichkeiten ausartete. Krabat, den dies verdroß, sagte: "Zur Strafe dürft ihr euch für die Störung unserer friedlichen Gesellschaft nicht von der Stelle rühren, sondern müßt stehen bleiben, bis wir auseinandergehen." Und wirklich blieben die beiden Männer wie bezaubert so lange in taufender Stellung, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Nach diesem deutete Krabat durchs Fenster und sprach zu den Festteilnehmern: "Schaut da mal hinaus, was unser Wirt für einen starken Hahn besitzt. Alles stuante, denn letzterer zog über den Marktplatz einen Balken. Zwei Mägde, welche in den Zauber nicht mit eingeschlossen waren, traten darauf in die Stube und sprachen ihre Verwunderung darüber aus, daß alles den Han, der nur einen Strohhalm über den Platz zöge, anstaunte. Krabat spielte diesen für ihr Plauern einen argen Schabernack, so daß beide beschämt hinausgingen.

Es sei nun nur noch Krabats Ende berichtet, das harmonisch austönt.

Krabat wurde ein Freund und Wohltäter seines Ortes und der ganzen Umgegend. er wendete im Alter seine Kunst noch zur Hebung des Hautnahrungszweiges seiner Unterntanen an, besserte deren ertragsarmen Ackerboden, beseitigte über Nacht Fieber erzeugende Sümpfe, bewässerte verdorrende Saaten und verwandelte selbst einen herabstürzenden Hagel, die die Nachbarschaft arg verheerte, über den Gemarkungen seines Dorfes zu unschädlich herniederschwebenden Flaumfedern. Rastlos wirkte er so für seine unbemittelten Schutzbefohlenen, denen er schließlich, weil er ohne Nachkommen blieb, sein ganzes erbliches Besitztum, in vierzig Parzellen zerteilt, testamentarisch überwies. Nur die begüterten Bauern gingen dabei leer aus, und die Teiche des Gutes Groß-Särchen, welche sich der Fiskus vorbehalten ahtte, fielen an letzteren zurück. Kurz vor seinem Tode ließ Krabat sein Zauberbuch in den großen Teich werfen. Der Diener führte den Auftrag anfänglich nicht aus. Er wollte die geheimnisvolle Schrift für sich behalten. Bei seiner Rückkunft fragte ihn Krabat: "Hast Du das Buch hineingeworfen?" Er antwortete: "Ja, Herr, es liegt drin." Krabat blickte ihn durchbohrend scharf an: "Was hat das Wasser gesagt?" Da wußter der Diener keine Ausflucht. Er mußte nochmals hingehen. Diesmal versenkte er das Buch wirklich beim Ständer in die dunkle Flut, welche dabei zischte, brodelte und unter Donnergetöse mannshoch emporstieg; die Sträucher ringsherum aber genannen zu brennen. [...]

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Alfred Meiche, Die Krabat-Sage, in: ders., Sagenbuch des Königreichs Sachsen, Leipzig 1903, S. 545-550.