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Kurt Franz & Claudia Maria Pecher
Kennst du die Brüder Grimm?

Der Froschkönig", „Schneewittchen" oder „Rapunzel" sind Erwachsenen und Kindern auf der ganzen Welt bekannt. Wer aber weiß mehr über das Brüderpaar zu erzählen als dessen Märchen? Und wer weiß schon, dass die Grimms auch viele schaurige, schöne Sagen sammelten, eine umfangreiche deutsche Grammatik veröffentlichten oder an einem allumfassenden Deutschen Wörterbuch arbeiteten?


Brigitte Reimann

Brigitte Reimann

Martin Schmidt

Brigitte Reimann und Hoyerswerda

Brigitte Reimann
Brigitte Reimann

 Hoyerswerda wurde durch die Schriftstellerin  Brigitte Reimann zur  „Stadt der ‘Franziska Linkerhand‘".  Hier lebte sie die bewegtesten und schöpferischsten Jahre ihres kurzen Lebens.

 Am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg geboren, war ihr ein Jahr jüngerer Bruder Ludwig der Begleiter ihrer Kindheit: die  Geschwister Dorothea und Ulrich wuchsen zehn Jahre später in den Nachkriegsjahren neben ihrer großen Schwester auf. In Burg besuchte sie die Schule. Die Oberschulzeit wurde durch halbjährigen Krankenhausaufenthalt  infolge Kinderlähmung unterbrochen. Brigitte nutzte diese Zeit, um die Bücher der umfangreichen Bibliothek ihres Vaters zu lesen. Darauf gründeten sich ihre später immer wieder zu bewundernden  Kenntnisse der Weltliteratur und ihr Bemühen, möglichst alle wichtigen und für sie erreichbaren Werke, die  neu erschienen, zu lesen. Wieder in der Schule arbeitete  sie erfolgreich als Verfasserin von Texten und als Regisseurin im Schülertheater.

Nach dem Abitur musste sie sich entscheiden,  Schriftstellerin zu werden oder sich dem Theater zu verschreiben. Nach Besuchen von Seminaren für angehende Literaten in Berlin schied ersteres für sie aus. Sie fühlte sich von der Priorität der ideologischen Ausrichtung - getreu der Vorgabe Josef W. Stalins „Schriftsteller = Ingenieure der menschlichen Seele " abgestoßen. In Weimar, wo sie Schauspielkunst studieren wollte, verweigerte man  ihr die Teilnahme an der Aufnahmeprüfung, da sie kein „Arbeiter- und Bauernkind", sondern aus „bürgerlichem" Elternhaus stammend  zu  „Sonstige" gerechnet wurde. Versuche eines jungen FDJ-Sekretärs, für sie die „Patenschaft" beim Weg zu einer sozialistischen Persönlichkeit zu übernehmen, war ihr suspekt.

 Zurückgekehrt nach Burg erfuhr sie, dass ihre einstige Schule „Neulehrer" suchte. Sie meldete sich. Als einst beste Schülerin nahm man sie mit Freude an und schickte sie auf einen wenige Monate währenden Lehrgang. Im Herbst stand sie vor  einer Mädchenklasse, die ihre nur unwesentlich ältere, unkonventionelle, verständnisvolle  Lehrerin nicht nur verehrten, sondern, um ihr zu gefallen, besonders eifrig lernten. Neben dieser Tätigkeit schrieb sie eifrig weiter für die örtliche Presse und besuchte die Arbeitsgemeinschaft junger Autoren des Deutschen Schriftstellerverbandes Magdeburg. Dort fand sie bei älteren Schriftstellern handwerklich versierte Lehrer und zwei Freunde fürs Leben: die Schriftsteller Wolfgang Schreyer und Helmut Sakowski, der gerade seine Ausbildung zum Förster abgeschlossen hatte.

Ihre Mitbürger wurden aufmerksam, als ihre Erzählung „Katja" in Fortsetzungen in der örtlichen Zeitung erschien. 19-jährig heiratete sie einen Sportfreund ihres Bruders Ludwig, einen Schlosser, der kurze Zeit sein Glück im Uranbergbau in Johann-Georgenstadt suchte, wohin sie ihm nur sehr kurz folgte. Zwei weitere kleine Erzählungen erschienen, ehe sie 1956 mit der Erzählung „Die Frau am Pranger" zu einer in der DDR bekannten Jugendschriftstellerin avancierte.  Die nächsten Arbeiten „Wenn Zeit ist zu reden" und „Joe oder das Mädchen auf der Lotosblume" waren nicht mit Erfolg gekrönt. Sie wurden von den Verlagen als „konterrevolutionär" und „dekadent" abgelehnt. Ihre „harte" Schreibweise - in Nachfolge  von dem von ihr damals verehrten Ernest Hemingway - sei nicht geeignet, die sozialistische Wirklichkeit wieder zu geben.

Reimann und Pitschmann in ihrer Wohnung
Reimann und Pitschmann in ihrer Wohnung

Während eines Studienaufenthaltes im Schriftstellerheim Petzow lernte sie 1958 den Schriftstellerkollegen Siegfried Pitschmann kennen. Er schrieb einen Roman „Erziehung eines Helden" über seine Erlebnisse als Bauarbeiter auf der Großbaustelle Schwarze Pumpe. Sie entschlossen sich, ihre Ehen scheiden zu lassen,  zu heiraten,  eine Idee  Pitschmanns zu verwirklichen, nach Schwarze Pumpe zu gehen, um in der derzeit errichteten Neustadt von Hoyerswerda  eine eigene Wohnung zu erhalten. Vorausgegangen war ein totaler Verriss der ersten Kapitel von Pitschmanns Roman,  worauf der Autor  einen Selbstmordversuch unternahm, aus dem ihn Brigitte Reimann rettete.

Im Januar 1960 zogen sie nach Hoyerswerda und waren wöchentlich zwei Tage im Kombinat Schwarze Pumpe in Arbeitsbrigaden tätig, um die sozialistische Produktion und deren „Helden" kennen zu lernen und darüber zu schreiben. Ihnen kam die Tatsache entgegen, dass kurz vorher von der SED-Führung der „Bitterfelder Weg" ausgerufen worden war, mit den Motti „Greif zur Feder Kumpel" und "Erstürmt die Höhen der Kultur".  Die Betriebsleitungen waren dabei verpflichtet, Künstler in den Betrieben die Möglichkeit zu künstlerischer Tätigkeit zu ermöglichen. Mit der bereits bekannten Jugendschriftstellerin wollte die Betriebsleitung Ehre einlegen. Dem Schriftstellerparr wurde aufgetragen, die Chronik des Kombinates zu schreiben, Kulturveranstaltungen zu organisieren und einen Zirkel Schreibender Arbeiter zu gründen und zu leiten. Eines der ersten Mitglieder, dazu der begabteste, war der heute bekannte Dichter Volker Braun, damals Abiturient im Betriebseinsatz.

Brigitte Reimann 1964
Brigitte Reimann 1964

In schneller Folge erschienen Brigitte Reimanns Erzählungen „Ankunft im Alltag" (1961), „Die Geschwister" (1962),  Siegfried Pitschmanns  Erzählungssammlung  „Wunderliche Verlobung eines Karrenmannes". Gemeinsam schufen sie zwei Hörspiele, die Zustimmung fanden. 1964 nahm Brigitte Reimann an einer Reise nach Sibirien teil, wovon die Reportage „Das grüne Licht der Steppen" zeugt. Die beiden Eheleute trennten sich, S. Pitschmann zog nach Rostock, wenig später heiratete die Schriftstellerin  in Hoyerswerda ihren dritten Ehemann, ein Mitglied des Zirkels Schreibende Arbeiter.

Zur gleichen Zeit begann sie die Arbeit am Roman „Franziska Linkerhand", der Geschichte einer jungen Architektin, die mit dem Wunsch auf eine Baustelle kommt, eine schöne Stadt zu schaffen.  Mangelwirtschaft, Phantasielosigkeit, bürokratische Hürden und schematisches Denken zerstören ihre Hoffnungen. Der Roman bewahrt  nicht nur die Erfahrungen der Autorin in Hoyerswerda, sondern auch die aus Begegnungen mit bekannten Architekten, mit anderen Städten, beispielsweise in  sibirischen Neubau-Städten . Dieser Roman wuchs sehr langsam, da die Autorin sich gründlich in die Fragen modernen Städtebaus, industrieller Bauweise und Stadtplanung vertiefte. Heute bestätigen Fachleute  dem Roman, die Probleme des modernen Städtebaus  seien nicht ein beliebig gewähltes Sujet, sondern exakter Handlungsraum und doch romanhaft erzählt. Die Autorin habe nicht nur die Schwierigkeiten industriellen Städtebaus, sondern auch des Lebens in diesen künstlich erdachten Siedlungen erkannt.

Im November 1968 wich Brigitte Reimann Anfeindungen, Verleumdungen und Hass politischer Kräfte in Hoyerswerda und dem Bezirk Cottbus  und zog nach Neubrandenburg. Kurz vor ihrem Umzug war eine Krebserkrankung festgestellt  worden. Nach kurzzeitiger  Besserung verschlimmerte sich die Krankheit. Sie ließ sich von ihrem Mann scheiden, der in Hoyerswerda geblieben war, und heiratete einen jungen Arzt. Auch wenn ihr Leben zwischen  immer kürzer werdenden Aufenthalten in Neubrandenburg und immer größeren in der Klinik in Berlin-Buch wechselte, bestimmte das Schreiben ihres Romans  fast ausschließlich ihr Leben:

Das letzte Kapitel ihres Buches konnte sie nicht mehr vollenden. Am 21. Februar 1973 starb Brigitte Reimann 39-jährig in Berlin. „Sie wollte noch einmal den Frühling erleben und ihr Buch vollenden", schrieb ihre Mutter, „beides wurde ihr nicht geschenkt." Dank  dem  Lektor Walter Lewerenz erschien  der Roman „Franziska Linkerhand"  1974  und begann seinen Siegeszug  um die Welt als ein „Kultbuch" junger und auch älterer Generationen.

Seit 10 Jahren kann in Hoyerswerda  bei Brigitte-Reimann -Spaziergängen, bei Lesungen aus ihren Büchern und Zeitzeugenberichten die „Stadt der Franziska Linkerhand", deren Geschichte, die ihrer Autorin und deren Zeit lebendig werden.

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Fotos mit freundlicher Genehmigung der Brigitte Reimann Begegnungsstätte in Hoyerswerda